Neue "Österreichische Multiple Sklerose Bibliothek" definiert Goldstandard der Behandlung – Therapie-Konzept "Shared decision making" ermöglicht Individualisierung
Österreichische Neurologinnen und Neurologen haben heute anlässlich des Welt-MS-Tages 2016“ (25. Mai) die „Österreichische Multiple Sklerose Bibliothek – Evidenzbasierte Informationen zu allen Aspekten der MS“ vorgestellt. In 41 Kapiteln decken 39 Expertinnen und Experten, darunter Leiterinnen und Leiter von MS-Zentren, die wichtigsten medizinischen und nicht-medizinischen Aspekte der MS ab. Das Werk richtet sich an einen breiten Leserkreis, an Betroffene, Ärztinnen und Ärzte und medizinisches Fachpersonal, und stellt ein einzigartiges, umfangreiches Nachschlagewerk dar. „Das Handbuch legt den ‚Goldstandard‘ im Umgang mit MS in Österreich fest und dient als Grundlage für den Zugang zur MS-Betreuung“, sagt Univ.-Prof. Dr. Thomas Berger (Univ.-Klinik für Neurologie, Innsbruck), gemeinsam mit Dr. Ulf Baumhackl („ÖMSG gemeinnützige Privatstiftung“) Herausgeber der österreichischen MS-Bibliothek.

Übereinkunft über eine angemessene medizinische Behandlung anstreben
Evidenzbasierte Informationen bilden die Voraussetzung für ein gemeinsames Vorgehen gemäß dem Konzept „Shared decision making“ (SDM): „Mit einer gemeinsamen, partizipativen Entscheidungsfindung von Patientinnen und Patienten sowie Ärztinnen und Ärzten wird eine Übereinkunft über eine angemessene medizinische Behandlung angestrebt“, so Dr. Baumhackl. „Die Therapieziele der Betroffenen und der Therapeutinnen und Therapeuten sollen übereinstimmen.“ Komplexe medikamentöse Langzeit-Behandlungen verlangen von Betroffenen Eigenverantwortung, Therapietreue (Adhärenz) und verstärktes Selbstmanagement: „Dafür müssen geprüfte Informationen zum wissenschaftlichen Erkenntnisstand über die MS und ihre Behandlung vermittelt werden.“

Die chronische Erkrankung MS, an der in Österreich 12.500 Menschen erkrankt sind, bricht vor allem bei Menschen zwischen 20 und 40 Jahren aus, geht in den meisten Fällen mit akuten vorübergehenden Schüben einher und dauert das ganze Leben an. Zu den häufigsten Beschwerden zählen Kraftminderung, Gefühlsstörung, Störung der Koordination, urologische Probleme und Sehstörungen.

Individualisierung der Therapie
Dieses breite Beschwerdespektrum erfordert einen stark individualisierten Umgang mit der Krankheit und ihrer Therapie. „Auch wenn MS nicht heilbar ist, ihre Auswirkungen sind inzwischen gut beherrschbar, auch über Jahrzehnte hinweg“, so a.o. Univ.-Prof. Dr. Fritz Leutmezer (MedUni Wien), Präsident der MS-Gesellschaft Wien. Therapien lassen sich inzwischen immer besser auf einzelne Betroffene und deren Bedürfnisse abstimmen, weil bewährte Medikamente und ihre Verabreichungsformen optimiert und auch einige neue Substanzen mit unterschiedlichen Wirkmechanismen entwickelt wurden. „Derzeit stehen in Österreich zehn zugelassene MS-Medikamente zur Verfügung“, sagt Prof. Leutmezer. „Es lässt sich nur schwer voraussagen, wie die Krankheit beim einzelnen Menschen verlaufen wird, wie bestimmte Substanzen anschlagen oder welche Nebenwirkungen eintreten. Behandelnde und Betroffene müssen daher beständig im Dialog stehen und die Vor- und Nachteile abwägen.“

MS-Therapieregister und MS-Betreuungsnetzwerk international vorbildlich
Das MS-Therapieregister der ÖGN hilft, Nutzen und Nebenwirkungen der Therapien besser einzuschätzen, indem es laufend neue Erkenntnisse zu Wirksamkeit, Nebenwirkungen und Risiken, aber auch zu verschiedenen Krankheitsprädiktoren dokumentiert. „Diese Daten kommen Patientinnen und Patienten bei der Erstellung einer maßgeschneiderten Therapie zugute“, sagt Prof. Berger.

In Österreich bilden spezialisierte Ambulanzen neurologischer Abteilungen und neurologische Praxen ein Betreuungsnetzwerk (MS-Zentren), das in Europa als vorbildlich gilt. MS-Zentren sind neurologische Institutionen, die sich auf die Betreuung von Menschen mit MS spezialisiert haben, und von der ÖGN als solche zertifiziert sind. Damit verpflichten sie sich, gemeinsame, qualitätsgeprüfte Standards betreffend Untersuchung, Behandlung, Beratung und soziale Versorgung der Betroffenen sowie eine kontinuierliche Fort- und Weiterbildung einzuhalten.
Die Publikation ist bei den Landesgesellschaften der ÖMSG erhältlich.