Manchmal ist weniger mehr
Eine Woche lang hat der Lift nicht funktioniert. Ich wohne im 5. Stock und ich habe natürlich auch immer im Kopf, wie es ist, wenn ich nicht gehen kann. Nun kann ich momentan gehen, aber ich weiß noch wie es war als ich  nicht mal meinen Fuß eine Stufe heben konnte, der Kopf sagte ja - meine Beine nein. 
 
Wenn ich nicht mit Einkäufen beladen bin, geht es und die 5 Stockwerke sind zu meistern, wenn die Taschen aber voll sind, dann bin ich danach sehr erledigt. Normalerweise habe ich einen Trolley, erstens entlastet es die Knochen und zweitens spare ich so Kraft. Ich muss jetzt alles zittzerlweise hoch tragen und noch mehr planen, damit ich ja nichts vergesse. 
 
Immerhin komme ich langsam in den Schmuckryhthmus heißt ich bin fleißig am Werkeln. Die Stühle in meiner Wohnung rollen dahin, kein extra aufstehen und hin und her gehen (kostet viel Kraft), ich habe alles was ich zum Arbeiten brauche, und es macht mir in erster Linie einfach Spaß, Menschen individuell und geschmackvoll zu schmücken. 
 
Wie man sich das Leben vereinfacht. Inzwischen gibt es ja eine Vielzahl an Hilfsmitteln. Ich bin zum Beispiel Happy um meinen kabellosen Staubsauger, nach den Schüben war ich sogar zu schwach damit durch die Wohnung zu cruisen, denn er wiegt etwas mehr, dafür spart man sich eben das Bücken. Inzwischen geht es aber sehr gut und die Wohnung ist schnell mal gesaugt.
 
Eine Geschirrspülmaschine finde ich auch toll und da oft sogar das einräumen anstrengend ist und ich das erst am nächsten Tag erledige, wäre es ohne eine Geschirrspülmaschine undenkbar. Ein Wasserkocher und für Essen kochen ist ein Pürierstab mit Zubehör super, schnell hat man mal eine feine Suppe zubereitet und die Unmengen an Gemüse zerkleinert. Ich schneide zwar sehr schnell Gemüse aber auch solche Kleinigkeiten kosten oft Energie, man spart sich das aufreiben von Kartoffeln, Käse und Co, einfach in den Mixer rein, und schon erledigt.  
 
Im Bad hilft ein Badebrett, wenn ich zu müde zum Stehen bin, dann setze ich mich drauf. Es eignet sich aber auch sehr gut, um etwas darauf zu stellen z.B. Reinigungstätigkeiten von Blumentöpfen. Ein Brausekopf von oben und man muss nicht mal mehr den Duschkopf während des duschens halten. Eine Waschmaschine in der Wohnung versteht sich von selbst, ständig in einen Waschsalon rennen (die es kaum mehr gibt) oder Gemeinschaftswaschräume sind zu anstrengend, alles kann gesundheitlich in einer Stunde schnell wieder anders sein. 
 
Das einkaufen kann inzwischen oft online erledigt werden, wenn ich nicht mehr Zeit oder Kraft habe, kann ich die Lebensmittel liefern lassen (momentan sehr günstig, aber noch nicht ausprobiert), auch alle anderen Artikel die man benötigt. Vieles kann per Mail oder telefonisch erledigt werden, macht es nicht immer weniger anstrengend aber immerhin. Ich hätte zum Beispiel keine Kraft den ganzen Tierbedarf heim zu tragen, Streu und Futter, auch hier ist das Internet und die Anbieter Klasse. 
 
Nachdem ich zweimal den Hausarzt wechseln musste, scheint es, als ob ich Glück habe, die Arzthelferin ist sehr kompetent, sie weiß sofort Bescheid, es ist ein freundlicher Umgang mit nötiger Distanz. Auch der/die ÄrztIn ist sehr kompetent, die Wartezeiten sind kurz und es geht ruckzuck, auch wenn sehr viel los ist. Sie haben einfach eine sehr gute Organisation und kümmern sich um das Wesentliche. 
Gegenwärtig bin ich wieder dauermüde, das ist wirklich eine Belastung, ich habe immer so viel vor und schaffe nur einen Bruchteil davon. 
Seit dem letzten Schub im Dezember habe ich mich entschlossen mein Leben wieder ruhiger anzugehen. Aus diesem Grund musste ich die Schule beenden, der Dauerstress tat mir nicht gut und es wurde immer mehr und mehr. Wenn es für Menschen ohne gesundheitliche Beeinträchtigungen kaum mehr zu schaffen ist, dann ist es für jemanden mit meinem MS- Verlauf nicht mehr durchzustehen, vor allem sollte es ja auch noch Freude weiter bereiten. Falls es mich reizen sollte kann ich später weitermachen, aber soweit ich sehe fehlt mir einfach die Kraft ständig zu funktionieren. Ich habe meine Studienzeit auch hinter mir, hatte jahrelang oft zwei Prüfungen die Woche und ständig irgendwelche schriftlichen Abgaben und Nachweise zu erbringen. Das hat mir am Ende die Lust an der Sache genommen. Soweit möchte ich es diesmal nicht kommen lassen. Ich werde weiter machen, aber eben ohne ständigen Druck im Hintergrund. Auch ich muss mir selber beibringen nicht mehr so viel Druck auf mich auszuüben. Wenn es an einem Tag geht dann gut, wenn nicht dann nicht. Ich kann eh nichts daran ändern. Trotz allem viel gelernt und ich werde meinen Weg weiter gehen:)